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Sticke

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Wer Stammgast in einem Lokal ist, der kann sich zu Recht erwarten, dass ihn der Wirt ab und zu auf ein Bier einlädt. Man lässt das ganze Jahr ja doch eine Menge Geld im Lokal. Andererseits: Es ist nicht jeden Wirtes Sache, sein bestes Bier einfach zu verschenken. Ein einfacheres, gar schlechteres Bier steht nicht zur Verfügung – etwa ein solches, wie es früher die Klöster und manch einfache Bauern-Schenke für die "Armen Schlucker" gehabt haben. Nicht nur, weil man den Gast ja nicht gut auf schlechtes Bier einladen würde, sondern überhaupt.

Was tun? Die Familie Schnitzler, die in der Düsseldorfer Altstadt die weltberühmte Bierbrauerei und Schenke "Zum Uerige" betreibt, hat eine bessere Lösung gefunden: Als Geschenk gibt es dort zweimal im Jahr ein stärkeres Bier zum normalen Preis.

Und dieses stärkere Bier, das kann man guten Gewissens sagen, ist auch ein besseres Bier: Nicht nur, weil seine Würze mehr Malz (und damit das fertig vergorene Bier mehr Alkohol) enthält, sondern vor allem auch, weil es eine delikate Balance von großzügiger Hopfengabe und Malz hat, wobei die obergärige Hefe vor allem die Karamellmalztöne besonders schön herausarbeitet: Mit dem Hopfen im Hintergrund kommen die malzigen Aromen gut zur Geltung, ohne dass das Bier in aufdringlicher Weise süß schmecken würde. Michael Schnitzler schwört beim Hopfen auf Hallertauer Mittelfrühen – und das seit seiner Lehrzeit in den Fünfziger Jahren: "Als Lehrling habe ich das Stopfen noch gelernt. Zwischen 30 und 50 Gramm je Hektoliter wurden mit heißem Brauwasser gebrüht und 15 Minuten ziehen gelassen, bei geschlossenem Deckel, wegen des Aromas. Anschließend gaben wir Hopfen und Wasserauszug in den frisch geschlupften (gereinigten) Lagertank. Auf diesen Hopfen wurde nun das Jungbier geschlaucht, der Hopfen sog sich in den kommenden Tagen mit dem Bier voll und gab sein herrliches Aroma ab."

Das ist im wesentlichen das Geheimnis jenes 6,5 Volumenprozent starken Bieres, das als die deutsche Entsprechung eines Strong Ale oder Extra Special Bitter gelten kann – hier aber noch viel rarer ist als in England. So rar, dass man es sich hinter vorgehaltener Hand "steckt", wo es gerade solches Bier gibt. Ueriges Sticke hat seinen Namen tatsächlich von den Erzählungen hinter vorgehaltener Hand, auch wenn man heutzutage recht gut vorhersagen wird, wann der Brauhausbesitzer wieder einen Beweis seiner Großzügigkeit unter das dürstende Publikum bringen wird: Jeweils am 3. Dienstag im Oktober und Januar gibt es das Sticke – aber eben nur, so lange der Vorrat reicht. Wenn man dann noch bedenkt, dass vom Sticke zwar immer auch ein paar Flaschen auf Flaschen abgefüllt werden, diese aber immer rasch aus sind – dann weiß man die Rarität erst so richtig zu schätzen. Dieses "extra leckere Dröppke" ist laut Deklaration zwar nur einen Monat lang haltbar – tatsächlich aber kann es bei sachgemäßer Lagerung aber noch viele, viele Wochen später genossen werden. Und selbst danach altert es (im Unterschied zu den meisten hellen untergärigen Bieren) in Würde und ist auch nach Jahren noch fehlerfrei, wenn ihm auch die typische Frische fehlt.
Conrad Seidl [Bierpapst]